Die Scheinriesen

Sie wollen als neue Jugendbewegung erscheinen. Deswegen reist ein kleines Grüppchen Identitärer durchs Land – und versucht seine rechtsextreme Herkunft zu verschleiern.

In einem Dorf bei Erlangen weht hinter dem Fahrradstellplatz im Garten eines Siedlungshauses eine Deutschland-Fahne. Am Briefkasten klebt unter dem Schild „Keine Werbung“ ein schwarzes Lambda: das Symbol der Identitären Bewegung. Hier wohnt Nils Altmieks. Er hat den deutschen Ableger des Vereins gegründet, der sich als „Europas am schnellsten wachsende Jugendbewegung“ feiert.

Ein struppiger Familienhund wedelt um seine Beine, als der 30 Jahre alte Bauingenieur auf die Hofeinfahrt tritt. Altmieks bittet nach drinnen, die Treppe hinauf in den ersten Stock des Zweifamilienhauses. Das Wohnzimmer ist liebevoll dekoriert mit Zierkissen, Kletterpflanzen und Identitären-Abzeichen. Ein Lambda baumelt am Wandspiegel, selbst der Spritzschutz hinter dem Herd der offenen Küche ist mit dem Symbol geschmückt. In einer Holzwiege schläft die Tochter, der junge Vater ist gerade in Elternzeit. „Wir sind ganz normale Familien und Jugendliche“, sagt Altmieks. Er wirkt erfreut, von seiner politischen Arbeit erzählen zu können.

Es läuft gerade gut für die Identitären. Berlin, Köln, Dresden: Aktivisten der Organisation verschaffen sich immer wieder Zugang zu prominenten Orten, sie klettern auf das Brandenburger Tor, hängen Großbanner am Kölner Hauptbahnhof auf oder am Antikriegsdenkmal vor der Dresdener Frauenkirche und verschwinden kurz darauf wieder. Bilder ihrer Aktionen vermarkten sie im Internet als Symbole des Widerstandes gegen die Flüchtlingspolitik. So erzeugt die Gruppe seit Monaten einen erstaunlichen Medienhype. Hip, frech und gewaltfrei wollen sie sein. Ein neues Greenpeace, nur eben für Patrioten. Kein bisschen rechtsextrem. Das ist die Eigen-PR.

Doch Recherchen von ZEIT ONLINE widerlegen diese Selbstinszenierung. Die Identitären sind keine „Bewegung“, ihre Distanzierung von der rechten Szene ist Taktik. Ihre Führungsfiguren kommen aus der NPD-Jugend, aus radikalen Burschenschaften und sogar aus der verbotenen Neonaziorganisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ). Die Identitären bieten ihnen eine neue Heimat und eine frische Corporate Identity, unter der sie alte Ziele weiterverfolgen können. In Thüringen beispielsweise hätten zwei Drittel der Identitären einen „rechtsextremistischen Vorlauf“, sagt Marcus Lutterbeck, Leiter Rechtsextremismus vom Landesamt für Verfassungsschutz. Auch das Bundesamt in Köln hält die Gruppe für rechtsextremistisch und beobachtet sie.

Wer sind „die Identitären“?

In den vergangenen Monaten hat ZEIT ONLINE öffentlich verfügbares Bildmaterial der wichtigsten Identitären-Aktionen ausgewertet und mit den Ermittlungen von Sicherheitsbehörden abgeglichen. Die Recherche führte über Erlangen nach Rostock, wo der Identitären-Funktionär Daniel Fiß ein Zentrum der jungen Organisation schaffen will, und weiter nach Sachsen-Anhalt und ins österreichische Linz zu Auftritten des einflussreichen Identitären-Vordenkers Götz Kubitschek. Geleakte interne Kommunikation, Informationen von Aussteigern, geheime Handlungsleitfäden und Archivrecherchen machen es möglich, die politischen Wurzeln führender Aktivisten und die Strategien ihrer Gruppe zu verstehen.

Die Identitäre-Bewegung entstand zuerst in Frankreich. Österreichische und neuerdings auch deutsche Aktivisten kopieren das Konzept. Nach eigenen Angaben hat der Verein in Deutschland rund 400 „Fördermitglieder“, die regelmäßig Geld überweisen. Doch nur ein Bruchteil von ihnen ist aktiv. Am Ende der Recherche kommen kaum mehr als 100 Namen zusammen: fast nur Männer, hauptsächlich Studenten zwischen 20 und 30 Jahren. Sie sind „die Identitären“.

In seinem Wohnzimmer bietet Nils Altmieks Limonade an. Ein weißer Plüschhund hockt hinter dem Identitären-Kader auf der Sofalehne, während er über Ethnien und Identitäten redet. Seine eigene zum Beispiel, sagt Altmieks, sei westfälisch, deutsch und europäisch geprägt. In Deutschland mache man sich aber sofort verdächtig, wenn man sich mit seiner Heimat identifiziere. „Deutsche Identität wird immer gleich in Verbindung gebracht mit dem Nationalsozialismus.“

Nicht engagiert?

Altmieks lacht viel, die Hände formen eine Raute. Nur einmal blitzt auf, wie groß seine Wut sein muss. Das Gespräch kommt auf die Flüchtlingsfrage. „Wenn man erst abwartet, bis die deutsche Ethnie eine Minderheit unter vielen ist, dann ist es zu spät, umzukehren!“ Kurz braust Altmieks auf, dann bremst er sich wieder. Es sei schlimm, wie Menschen mit seiner Haltung heute angefeindet würden, sagt er. Man müsse Angst haben, mit Steinen und Flaschen beworfen zu werden. „Das erinnert mich an die Frühphase der Judenverfolgung.“ Ein abenteuerlicher Vergleich, der Identitären-Funktionär zieht ihn ganz selbstverständlich.

Harmlos klingt es auch, wenn Altmieks seinen Werdegang schildert: Als Gymnasiast in Paderborn habe er Gleichgesinnte gesucht, aber die CDU sei ihm zu links gewesen und die NPD zu radikal. Erst später, nach zwei Jahren als Zeitsoldat, sei er in neurechten Zeitschriften auf die Identitären gestoßen.

War er selbst nie in der rechtsextremen Szene aktiv? Altmieks lächelt, sucht kurz nach den richtigen Worten und sagt: Er habe sich dort „nicht engagiert“.

Mit einem Neonaziverein „auf Fahrt und Lager“

Es gibt jedoch Fotos, die den Identitärenchef in der verbotenen neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend zeigen. Damit konfrontiert, schwenkt Altmieks um. „Ich bin auf Fahrt und Lager mitgegangen“, sagt er knapp. Ein Freund habe ihn zur HDJ eingeladen, ungefähr 17 Jahre alt sei er da gewesen. Zwei Lager habe er mitgemacht. Die HDJ habe damals noch „keine Netzpräsenz“ gehabt. Deshalb sei ihm erst langsam klar geworden, dass die Gruppe versucht habe, antidemokratische und „dem Rassismus nahestehende“ Ansichten zu verbreiten. Altmieks spricht jetzt gezirkelt: „Folglich war ich für die Betätigung dort in Fahrt- und Lagerleben nicht richtig aufgehoben.“ Er sei „kein aktives Mitglied“ der HDJ geworden.

Dokumente aus jener Zeit lassen das fragwürdig erscheinen. Die Heimattreue Deutsche Jugend betrieb sehr wohl eine Website, darauf war Altmieks 2006 sogar selbst abgebildet. Das belegt ein Screenshot, den das Berliner Antifaschistische Pressearchiv gespeichert hat. Auf dem Foto trägt Altmieks die HDJ-Kluft und hält eine Fahne des elitären Rassistenvereins in der Hand. Auch in einem HDJ-Kalender findet sich ein Foto des Teenagers: Altmieks wandert mit anderen Männern in uniformen, dunklen Oberteilen im Gleichschritt durch eine frühlingsgrüne Landschaft. „Wir marschieren mit festem Schritt voraus“, steht darunter. So hieß ein Marschlied der Wehrmacht. Im Herbst 2005 enthielt das HDJ-Vereinsheft einen Erlebnisbericht über eine Fahrradtour der Einheit Hermannsland. Als Autor steht darunter: Nils. Ähnlich wie die Identitären gab sich die HDJ nach außen harmlos: als Pfadfindergruppe, die Zeltlager und Wanderungen für Kinder und Jugendliche organisiert. Doch der Verein schuf eine abgeschottete, neonazistische Parallelwelt mit Fahnenappellen in Uniform, Treueschwüren und Kreuzworträtseln, die nach dem „Führer des letzten Deutschen Reichs“ fragten oder nach einem „Verbrechen an den Deutschen 1945“. Seit 2009 ist die HDJ verboten. Das Bundesverwaltungsgericht bescheinigte dem Verein eine „Wesensverwandtschaft“ mit der Hitlerjugend.

Traditionelle Parolen oder Kennzeichen der Neonaziszene sind bei den Identitären unerwünscht. Sie vermarkten ihre Ideologie mit neuen Slogans und Symbolen. Das Lambda, ein schwarzer Winkel in einem Kreis auf gelbem Grund prangt als Erkennungszeichen auf Fahnen und Flyern. Auf bunten T-Shirts beschwören sie die Heimat und eine nicht näher definierte nationale Identität. Nicht jedem wird sofort klar, was Identitäre mit „Remigration“, „Ethnopluralismus“ oder „Großer Austausch“ meinen. Sie suchen sich Schlachtrufe, die weniger eindeutig klingen als „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“. Doch ihre Programmatik läuft genau darauf hinaus. Die Strategie hinter dieser Wortwahl legt ein interner Leitfaden offen: Die Kommunikation der Identitären solle „knapp an der Grenze bleiben“, heißt es darin, man wolle so „den Rahmen des im Mainstream Sagbaren“ langsam erweitern.

Verwirrspiele

So lässig die Identitären daher kommen wollen, ihr Führungszirkel agiert im Verborgenen. Die Öffentlichkeit soll nicht erfahren, wer genau dieser Führungsriege angehört. Nachfragen von ZEIT ONLINE bleiben unbeantwortet.

Seit der Vereinsgründung 2014 steht Altmieks als Vorsitzender im Register des Amtsgerichts. Zuweilen aber streut die Gruppe selbst Zweifel, ob das noch stimmt. Einen Tag nach dem Gespräch mit ZEIT ONLINE wird er auf der Facebookseite der Identitären als ehemaliger Bundesleiter bezeichnet. Darauf angesprochen versichert Altmieks am Telefon, das müsse ein Tippfehler sein. Wenig später verschwindet das Wort „ehemalig“ aus dem Facebookeintrag. Glaubt man Altmieks, dann wurde im vergangenen September der Rostocker Politikstudent Daniel Fiß zum Vizechef der Identitären gewählt. Im Vereinsregister steht ein anderer Name.

Daniel Fiß trägt einen Stoppelhaarschnitt und eine graue Kapuzenjacke zur verwaschenen Jeans. Seine Wahl zum Co-Vorsitzenden sei „relativ unspektakulär“ gewesen, behauptet er. Der Student ist 24 Jahre alt und offenbar schon in die Führungsclique der Organisation aufgestiegen. Genau wie für Altmieks sind die Identitären auch für Fiß nicht die erste politische Station. Der Rostocker war einst ebenfalls als Neonazi aktiv: Er trat für den NPD-Parteinachwuchs in rechtsextremen Werbevideos auf, wetterte gegen den „von den Demokraten verursachten Volkstod“ und lief auf einer Demonstration hinter dem Banner der Nationalen Sozialisten Rostock her. Schon damals fiel Fiß als Wortführer auf. „Wir sind die letzte Generation“, rief er 2013 während eines Auftritts für die NPD-Jugend in seiner Heimatstadt. Er gehe auf die Straße, „um dieses System zu überwinden“. Das Motto der damaligen Kundgebung ähnelte frappierend den heutigen Parolen der Identitären. Eine lautet: „Uns eint das Schicksal, die letzte Generation zu sein, die das Ruder noch einmal herumreißen kann!“

Fiß sagt, er habe mit seiner Vergangenheit gebrochen. „Ich habe Hannah Arendt und Mein Kampf parallel gelesen.“ So habe er verstanden: Der „krude Biologismus“ der Neonazis sei ein Irrweg. Dass einflussreiche Identitären-Kader ebenfalls aus der Neonaziszene oder extrem rechten Burschenschaften kommen, scheint ihn nicht zu stören.

Der Student hat dazu beigetragen, dass Rostock als ein Zentrum der Identitären in Deutschland gilt. Im Herbst machte er Schlagzeilen mit der Nachricht, die Identitären wollten eigene Räume in der Rostocker Innenstadt eröffnen. Doch bisher gibt es keinen Vereinsraum, nicht einmal eine Szenekneipe, in der sich der Student mit Journalisten sehen lassen möchte.

Als Treffpunkt sucht Fiß stattdessen ein Fünfsternehotel an der Ostseepromenade in Warnemünde aus. Neuerdings, erzählt der Identitären-Kader in der Lobbybar des Spa-Hotels, verfüge seine Gruppe immerhin über eine Fläche im Rostocker Umland. Die Adresse will er jedoch nicht verraten. Wofür sie genutzt werden soll, steht angeblich auch nicht fest. Fragt man seinen Mitstreiter Altmieks nach diesen Räumen, sagt der, es gebe leider noch gar keine. So ist es mit vielem, was Identitären-Kader aus dem Inneren ihrer Organisation berichten: Es lässt sich kaum überprüfen.

Simulierte Masse

Hartnäckig vermarktet die Gruppe ihre Arbeit als etwas völlig Neues und setzt sich als breite politische Bewegung in Szene. Doch tatsächlich ist es mit den Identitären wie mit dem Scheinriesen Tur Tur aus dem Kinderbuch Jim Knopf: Je näher man ihnen kommt, desto mehr schrumpfen sie.

In Videos und Facebookpostings fallen immer wieder einige besonders aktive Identitäre auf. Ein kleiner Zirkel sehr mobiler Mitglieder reist kreuz und quer durchs Land, ist bei fast jeder größeren, öffentlichen Aktion dabei und erzeugt so den Eindruck, es sei etwas Bedeutsames im Gange. Für normale Beobachter erschließt sich nicht, dass oft dieselben Leute aktiv sind. Es sieht aus, als wäre eben eine „Bewegung“ am Werk.

Die Reisekader bilden wechselnde Protestteams, klettern auf prominente Bauwerke wie das Brandenburger Tor in Berlin oder den Balkon der Grünen-Parteizentrale, zünden Bengalfackeln, filmen das Spektakel. Meist bekommt zunächst kaum jemand etwas davon mit. Die Resonanz entsteht erst, wenn die Bilder unter Hashtags wie #DefendEurope oder #Reconquista im Internet vermarktet werden.

Da ist zum Beispiel Hannes K.. Er ist 27 Jahre alt und einer der reisenden Aktivisten. Der Student der Elektrotechnik aus Rostock war in den vergangenen zwölf Monaten bei mehr als einem Dutzend Aktionen dabei: in Hamburg, Schwerin, Greifswald, Rostock, Dresden und immer wieder in Berlin. Er stieg auf den Balkon der Grünen-Parteizentrale, setzte sich vor den Eingang zur CDU-Geschäftsstelle, demonstrierte vor der türkischen Botschaft und im Regierungsviertel. Außerdem kletterte K. mit elf anderen jungen Männern auf das Brandenburger Tor. Andere Aktivisten reisten aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Sachsen-Anhalt an.

Ein Selfie zeigt auch Friedrich Sch. auf dem Brandenburger Tor. Ein junger Mann mit Sonnenbrille, Kinnbart und tätowierten Armen. Der 25-jährige Student stammt aus Hamburg, auch er fährt für die Identitären durchs Land. Sch. protestierte in Schwerin und Ribnitz-Damgarten, Berlin und Wien. Genau wie Robert T., ein weiterer Aktivist mit Hipsterbart, der Architektur in Cottbus studiert. Nebenbei hat T. knapp ein Dutzend öffentlicher Auftritte in zwölf Monaten absolviert. Drei erfahrene Reisekader, die garantieren, dass die Aktionen reibungslos ablaufen.

Entwicklungshilfe aus Österreich

Die deutsche Identitären-Szene ist so klein, dass sie häufig sogar Unterstützung aus Österreich braucht. Als die Organisation im Dezember 2016 zur Sitzblockade vor der CDU-Zentrale in Berlin mobilisierte, reiste fast ein Drittel der knapp 50 Teilnehmer aus dem Nachbarland an, darunter mehrere Regionalleiter und der österreichische Vorsitzende Martin Sellner.

Wie ein Entwicklungshelfer kümmert sich der Wiener Identitären-Chef um den Ableger in Deutschland. Seine Videoauftritte haben den 28 Jahre Sellner in der rechten Szene zum Star gemacht. Mehr als 15.000 Menschen abonnieren seinen YouTube-Kanal. Pausenlos lädt er neue Bilder hoch. Eine gnadenlose Selbstvermarktung. Sellner sagt, er wolle damit am „Abbau des multikulturellen Meinungsdogmas“ arbeiten. Seine Clips sollen „Bildwaffen gegen die Lügen von Multikulti“ sein.

Die Medienprofis im Hintergrund

Interne Schulungsunterlagen und Kommunikationen belegen, welche Energie die Führung der Identitären auf eine professionelle Inszenierung verwendet. Sie plant Rhetoriktrainings für Funktionäre und legt Wert auf hochwertige Grafiken. In einem Leitfaden heißt es, das Bild einer Besetzung müsse „Macht, Kraft und Sieg symbolisieren“. Gewünscht werden von unten nach oben aufgenommene Bilder von „Massen und Fahnen“. Aktionen seien „nutzlos“, wenn die Aufnahmen davon „nicht klar und von guter Qualität sind“. Das Medienteam gilt intern als ebenso wichtig wie die kletternden Aktivisten.

Heimliche Helfer

Professionelle Fotografen und Kameraleute unterstützen die Organisation in Deutschland. Zum Beispiel Wiebke M.. Sie ist 27 Jahre alt, hat an einer Kunsthochschule studiert und fotografiert unter anderem für die Werbebranche. Neben Modelabels haben von ihrem Talent auch die Identitären profitiert. Wiebke M. hat Standards für die Bildgestaltung der rechtsextremen Gruppierung entwickelt und gehörte einer geschlossenen Facebookgruppe an, die IB D Film Organisation heißt, IB wie Identitäre Bewegung, D wie Deutschland. Die Fotografin und ein professioneller Kameramann zählten zu den heimlichen Helfern der Gruppe.

Auf Fragen von ZEIT ONLINE reagiert Wiebke M. nicht. Es wäre spannend zu erfahren, was Erlebnisse aus Wiebke M.s Kindheit mit ihrem Engagement für die Identitären zu tun haben. Fotos und interne Kommunikation legen nahe, dass Wiebke M. genau wie der Identitären-Chef Altmieks als Schülerin zu Lagern der Heimattreuen Deutschen Jugend fuhren. Ein früheres HDJ-Mitglied, das als Kind selbst an Freizeiten des Neonazivereins teilnahm, erinnert sich an sie.

Die Identitären haben noch weitere Mitstreiter aus dem HDJ-Milieu angelockt. Auch Friedrich Sch., einer der Reisekader der Organisation, kommt aus einer HDJ-Familie. In einem Onlineprofil schrieb Sch. als Gymnasiast unter Hobbys: Politischer Soldat. Obwohl er inzwischen bei diversen Protestaktionen öffentlich zu sehen war lehnt Sch. ein Gespräch ab. Am Telefon ist der Student kurz angebunden. Er will nichts zu seiner Aktivität bei den Identitären sagen.

Vorbild Frankreich

Bis heute dienen Strukturen und Aktionsformen der französischen Identitären als Schablone für die Ableger in Österreich und Deutschland. Einflussreiche deutsche Identitäre wie Nils Altmieks haben Trainingscamps in Frankreich durchlaufen, die sogenannten Sommeruniversitäten.

Um die Identitären Bewegung zu verstehen, lohnt deshalb auch ein Blick nach Frankreich. Dort hat sich ein junger Soziologe schon 2010 zu Forschungszwecken in eine Pariser Regionalgruppe der Identitären eingeschleust. Heute ist Samuel Bouron 31 Jahre alt und lehrt an der Universität Dauphine in Paris. Ein drahtiger, lockerer Typ.

Die Identitären, erzählt Bouron, hätten ihn schnell akzeptiert, wohl auch, weil er in seiner Freizeit Thaiboxen trainierte. Gemeinsamer Kampfsport gehört stets zum Rahmenprogramm der Organisation. Demokratische Strukturen suchte der Student bei den Identitären vergeblich. Der französische Führungsclan habe aus vielleicht zehn Personen bestanden, schätzt Bouron. Er habe keine Frau getroffen, die eine Regionalgruppe leiten durfte. Bouron sieht die Organisation in einer „faschistischen Tradition“, er hält sie für zweifelsfrei rechtsextrem.

Innovativ findet der Soziologe nur deren Kommunikationsstrategie. Die Identitären wollten niemals laienhaft erscheinen, sagt er: „Ihre symbolischen Aktionen sind gedacht als mediale Inszenierungen für Journalisten.“ Der Organisation gehe es vor allem um eins: Buzz zu erzeugen, also Aufmerksamkeit zu generieren.

Faszination der Gewalt

Bouron nahm auch an einem Trainingscamp der Identitären in der Bretagne teil. Der Soziologe war erschrocken, in welchen militärischen Drill politische Vorträge und Praxisworkshops für Aktivisten eingebettet waren: uniforme Kleidung, strenge Hierarchien, gemeinsames Box- und Selbstverteidigungstraining.

Identitären-Kader hingegen schwärmen von eben diesem militärischen Geist der Trainingslager. Für sie harmoniert auch Kampfsporttraining mit Zahnschutz im Mund mit der gewaltfreien Strategie, die sie propagieren.

Die Aktivisten sehen sich als Teil einer Schicksalsgemeinschaft, die es zu verteidigen gilt. Die Faszination für Gewalt, die allen extrem rechten Gruppen eigen ist, findet sich auch bei den Identitären. Sie verbreiten martialische Videos, in denen harte Jungs anderen über die Bäuche laufen. Eine Hamburger Gruppe lud zu Wehrsportübungen, deren Teilnehmer von einem ehemaligen Personenschützer Ronald Schills mit rechtsextremer Vergangenheit gedrillt wurden. Bernhard Weidinger, Rechtsextremismusforscher in Wien, warnt: Im selbstgeschaffenen Identitären-Mythos, die letzte Generation zu sein, die das eigene Volk noch retten könne, schlummere ein gefährliches Gewaltpotenzial.

Einflussreiche Förderer

Die deutschen Identitären können auf einflussreiche Förderer setzen. Einer lebt in einem historischen Anwesen im Weiler Schnellroda südwestlich von Halle: Götz Kubitschek, 46 Jahre, neurechter Verleger aus Sachsen-Anhalt und eine graue Eminenz im Spektrum rechts der CDU.

Die Kubitscheks bewegen sich selbst in der unübersichtlichen völkisch-bündischen Szene, aus der auch die verbotene Heimattreue Deutsche Jugend stammte. Ihre Sympathien gelten allerdings einer anderen, moderater auftretenden Gruppe, die ebenfalls bei den Identitären vertreten ist. Einige bezeichnen sich als Wandervögel, andere verwenden den Pfadfindergruß „Horrido!“ in YouTube-Videos und interner Kommunikation. Bei den wenigen Aktivistinnen sind Frisuren angesagt, wie sie Frauen in der völkisch-bündischen Szene häufig tragen: lange Haare, zu Zöpfen geflochten.

Götz Kubitschek hatte vor Jahren selbst schon einmal vergeblich versucht, eine neurechte Spaßguerilla aufzubauen. Heute unterstützt er die Identitären. Eine Tochter der Familie hat im Dezember gemeinsam mit Aktivisten aus Deutschland und Österreich die CDU-Zentrale blockiert. Auf eine Nachfrage dazu reagierte der Verleger nicht.

Um die deutschen Identitären zu stärken, entwarf Kubitschek eine zusätzliche Dachstruktur. Einprozent heißt der Verein, wird von AfD-Politikern unterstützt und geleitet von einem rechtsradikalen Burschenschafter. Die Organisation wirbt damit, den teuren „Rechtsschutz“ für strafbare Protestaktionen der Identitären zu übernehmen. Identitären-Gruppen bewerben ihre „Kooperation“ mit Einprozent. So knüpft Kubitschek das Netzwerk weiter. Ehemalige Neonazikader und völkische Familien, der rechte Flügel der AfD und besonders radikale Burschenschaften: Sie alle will Kubitschek zusammenführen.

Vermessene Selbstinszenierung

Regelmäßig trifft sich diese Mischszene während der „Akademien“ seines „Institut für Staatspolitik“ in Schnellroda. An einem verregneten Februarwochenende reisen auch Identitären-Kader von überall her in die Dorfgaststätte. Der Wiener Martin Sellner darf einen Vortrag halten, der Rostocker Daniel Fiß hört zu. Schnellroda, sagt Fiß während einer Zigarettenpause, sei für ihn ein „theoretisch-politisches Zentrum“. Das klingt eine Nummer zu großspurig, so wie vieles, was mit den Identitären und Kubitschek zu tun hat. Der Kleinverleger gibt seinen Projekten gerne so staatstragende Namen, dass man ihn für einen übergeschnappten Dorffürsten halten könnte. Doch bei Kubitschek laufen viele Fäden zusammen. Inzwischen hat er sich über die deutschen Grenzen hinaus bekannt gemacht.

Im vergangenen Herbst durfte der Verleger in Linz auf dem Kongress Verteidiger Europas reden, wie der Generalsekretär der FPÖ. Während Kubitschek in den prunkvollen, spätbarocken Linzer Redoutensälen über den „angeblichen Flüchtling“ und vom Liberalismus glatt geschliffene Menschen herzog, präsentierte sein Verlag seine Bücher im Foyer. Auch die Identitären vermarkteten ihre bunten T-Shirts, ein Verlag legte Militärzeitschriften über Waffensysteme der deutschen Wehrmacht aus und es gab Werke des deutschnationalen Malers Odin Wiesinger zu sehen. Österreich sei ein „Tal der Glückseligen“, schwärmte Kubitschek. „Man kann hier Dinge tun, die im öffentlichen Raum in Deutschland unmöglich geworden sind.“

Genau das wollen sie ändern, der bestens vernetzte Verleger aus Schnellroda, der HDJ-erfahrene Bauingenieur Nils Altmieks, der Politikstudent Daniel Fiß aus Rostock und ihre kaum sichtbaren Helfer im Hintergrund. Sie sind wenige und vielfältig in die rechte Szene verstrickt. Aber ihre Selbstinszenierung wirkt.

Mitarbeit: Felix Krebs, Daniel Müller

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