Nichts vergessen, nichts beschönigen

Gedenkfeier 25 Jahre nach den Ausschreitungen von Lichtenhagen / Erstes Kunstobjekt enthüllt

Es gebe nichts zu beschönigen und nichts zu leugnen, sagte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). „Wir wollen alles dafür tun, dass sich die schrecklichen Ereignisse nicht wiederholen.“ Mit einer Gedenkveranstaltung in der Marienkirche begann in Rostock gestern eine Erinnerungswoche, mit der an die rassistischen Ausschreitungen vor 25 Jahren in Lichtenhagen erinnert werden soll. Anschließend wurde vor dem Rathaus das erste von fünf dezentralen Kunstwerken der Gruppe Schaum enthüllt.

Vom 22. bis zum 26. August 1992 kam es in Lichtenhagen zu den bis dahin schlimmsten rassistischen Übergriffen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zunächst protestierten Anwohner gegen die ihrer Meinung nach schlimmen Zustände vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (Zast) im Sonnenblumenhaus. Bald dominierten Hass und Gewalt, Neonazis von außerhalb nutzten die Bühne, am Ende flogen Brandsätze. Während die Asylbewerber längst an einen anderen Ort gebracht waren, kam eine Gruppe von vietnamesischen Bewohnern in dem brennenden Haus nur knapp mit dem Leben davon. Polizei und Politik schauten machtlos zu.

„Auch wenn die Bilder, die damals um die Welt gingen, im Laufe der Zeit blasser werden, prägen sie die Außenwahrnehmung unserer Stadt nach wie vor und erfüllen viele Menschen in unserer Stadt bis heute mit Scham – zurecht“, sagte der stellvertretende Oberbürgemeister, Chris Müller-von Wrycz Rekowski (SPD).

Deutliche Worte fand gestern Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Es waren vor allem Roma aus Rumänien, gegen die sich die Gewalt entlud. „Die Brandstifter waren nicht nur vor dem Sonneblumenhaus zu finden“, erinnerte Rose an die Rolle von Politik und Medien. „Öffentlicher Rassismus legitimierte die Welle rechter Gewalt“, blickte Rose zurück.

Gestern fand Romani Rose aber auch versöhnliche Worte: „Rostock ist ein bemerkenswertes Beispiel, wie man aus der Geschichte lernen kann.“ Das zeige die Aufarbeitung der Ausschreitungen und der Umgang mit der Erinnerung, würdigte er. Die Hansestadt Rostock, ihre Bürgerinnen und Bürger, Politik, Verwaltung und zahlreiche Institutionen hätten aus den Geschehnissen in Lichtenhagen vor 25 Jahren gelernt, erklärte Senator Chris Müller-von Wrycz Rekowski . „Gemeinsam werden wir nicht zulassen, dass sich auch nur etwas annähernd Ähnliches wie 1992 in unserer Stadt wiederholt.“

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig dankte Initiativen und Vereinen, die sich gegen „rechtsradikale Umtriebe“ und für Demokratie einsetzen. Angesichts von Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte in ganz Deutschland, Pegida-Aufmärschen und Gruppen, wie der „Identitären Bewegung“, müsse präventiv auf Jugendliche, die empfänglich für radikale Ideologien seien, eingewirkt werden. Rechtsextremismus müsse offen angesprochen und nicht aus Angst vor schlechten Schlagzeilen verschwiegen werden, sagte sie.

Nach der Einweihung der Stele „Politik“ vor dem Rathaus wird heute der zweite Teil der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Stele vor dem Verlagsgebäude der OSTSEE-ZEITUNG trägt den Titel „Medien“. An mehreren Orten der Hansestadt soll an die Rolle verschiedener Akteure im Jahr 1992 erinnert werden.

Ostsee-Zeitung vom 23.08.2017
http://www.ostsee-zeitung.de/

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