Bewertung der „identitären“ Störaktion in Rostock

// Der Vorfall
Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Universität Rostock hatte am 02. Februar 2018 zu 18:00 Uhr in den Audimax auf den Ulmencampus geladen. Sprechen sollte eine Referentin des „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) zum Thema „Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert“ – im Fokus stand dabei die ZPS-Aktion in der Nähe des Höcke-Anwesens im thüringischen Bornhagen. Der Einladung des AStAs folgten circa 150 Gäste.

Kurz vor Beginn der Veranstaltung wurde sie aufgrund technischer Probleme im Audimax in das gegenüberliegende Arno-Esch-Hörsaalgebäude verlegt. Gegen 19:00 Uhr betraten circa 25 AktivistInnen der „Identitären“ den Hörsaal. Versammelten sich zunächst nur neun „Identitäre“ in der vorderen Ecke des Hörsaals mit einem Transparent, wartete der Rest im Vorraum. Zusätzlich zu den neun TransparenthalterInnen traten drei Personen in NVA-Uniformen bekleidet vor das Publikum. Darunter eine Person, die mit Durchsagen durch ein Megafon die Veranstaltung störte. Inhaltlich nahmen sie Bezug auf vermeintliche „StaSi-Methoden“ des ZPS im Rahmen der Höcke-Aktion. Eine Person streamte ein Facebook-LiveVideo, eine weitere fotografierte und eine weitere filmte den Hörsaal und die anwesenden Gäste mit einer GoPro ab. Während der Durchsagen über das Megafon, nahmen die Uniformierten die ahnungslose Referentin in ihre Mitte – es sollte ein Pappschild an die Referentin übergeben werden.

Sowohl den Teilnehmenden, als auch der Referentin war anfangs nicht klar, wer gerade vor ihnen steht und wie die Aktion zu deuten ist. So nahm die Referentin das Pappschild entgegen und Anwesende im Hörsaal applaudierten. Anschließend trauten sich die restlichen Personen aus dem Vorraum in den Hörsaal und skandierten rassistische Sprechchöre.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt war allen Beteiligten klar, welchen Charakter die Störung trägt. Sofortiges beherztes Eingriffen von Gästen war die Folge. Sowohl anwesende Universitätsangehörige, als auch Gäste wurden aktiv. Während Universitätsangehörige das Hausverbot aussprachen, versuchten Videoaufnahmen zu verhindern und Einsatzkräfte alarmierten, gelang es anderen Gästen, die Störenden selbstständig aus dem Saal zu befördern. Nach circa zwei Minuten war das Schauspiel beendet. Gäste sind nicht zu Schaden gekommen, die Veranstaltung wurde im Anschluss fortgesetzt. Laut der Pressemitteilung der Cops wurden wohl Anzeigen wegen Hausfriedensbruch aufgenommen.

// Der Rahmen
Der Ulmencampus ist ein zentraler innenstadtnaher Campus in der Kröpeliner Tor Vorstadt (KTV), welches zum Großteil studentisch und alternativ geprägt ist. Er beherbergt insbesondere Räumlichkeiten der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.

Im Anschluss an die Störung verließ die Gruppe das Gelände des Campus zielstrebig. Ihr Sammelpunkt befand sich am Kaufland in der Südstadt, nahe Erich-Schlesinger-Straße. Dort warteten mindestens zwei Autos auf die an der Aktion beteiligten Personen. Neben Privatautos wurde an diesem Tag auch ein Leihwagen/Car-Sharing-Auto der Firma „greenwheels“ genutzt, deren Abholort in einer angrenzenden Straße der „identitären“ Bundeszentrale zu finden ist.

Zentraler Sammelpunkt war die Graf-Schack-Straße 7 im Rostocker Bahnhofsviertel. Unter dieser Adresse befindet sich in einem dreigeschossigen Bürogebäude die Bundeszentrale der „Identitären“ in der obersten Etage. An der Graf-Schack-Straße wurden Aktionsmaterialien ausgeladen und von dort aus angereiste AktivistInnen zum Bahnhof gefahren. Die Graf-Schack-Straße 7 beherbergt nicht nur die bundesweit strukturgebenden Köpfe der „Identitären“, sondern war auch bei dieser Aktion Dreh- und Angelpunkt.

// Die AkteurInnen
Wie immer wurden auch für die Aktion in Rostock Reisekader und AktivistInnen aus unterschiedlichen Bundesländern angekarrt. So zum Beispiel übernahm der Sachse Alexander Kleine das Megafon. Oder der Bremer Jonas Schick unterstütze beim Halten des Transparentes. Der Messerstecher von Lübeck Volker Zierke aus Schleswig-Holstein hielt sich auffallend im Hintergrund, störte doch seine blaue Jacke das Gesamtbild der Anwesenden. David Thomas Ratajczak aus Niedersachsen fand sich in der Rolle des Fotografen wieder. Insgesamt können mit Mecklenburg-Vorpommern sieben Bundesländer ausgemacht werden, aus den die AkteurInnen an diesem Abend anreisten.

Aus Mecklenburg Vorpommern war es unter anderem Daniel Sebbin, ehemaliger Student und wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität Rostock, der unformiert das Pappschild hielt. Oder Torsten Görke, welcher das streamen des Livevideos (wir empfehlen das „Hilfe! Hilfe!“-Mimimi am Ende der Aufnahme) übernahm. Wichtige Köpfe der „identitären“ Struktur, wie zum Beispiel der MV-Regionalleiter Hannes Krünägel (Rostock) und der Bundessprecher Daniel Fiß (ebenfalls Rostock), waren jedoch an dem Abend nicht zu sehen – und das sehr wohl einkalkuliert. Schließlich studieren beide noch an der Universität und hätten sich durch eine Teilnahme an der Veranstaltung sehr wohl Probleme einhandeln können.

Die getragenen Uniformen tauchten bereits erstmals im März 2012 bei einer Aktion der „Nationalen Sozialisten Rostock“ (NSR) auf. Die Kameradschaft NSR war eine der ersten politischen Stationen des „identitären“ Bundessprechers Daniel Fiß. Schon früh zeigte sie Anleihen an Aktionsformen der heutigen „Identitären“.

Die Aktion wurde auf verschiedenen Social-Media-Profilen der einzelnen AkteurInnen dokumentiert. So taucht in Kleines Instagram-Story Daniel Fiß schauspielernd an der Eingangstür zum Büro in der Graf-Schack-Straße 7 auf und „wundert“ sich, was denn seine Kameraden an der Uni machten. Schließlich müsse er dort noch studieren. Bleibt zu hoffen, dass dem Rektorat der Universität sehr wohl bewusst ist, dass der E-Technik Student Krünägel als Regionalleiter und der PoWi-Student Fiß als Bundessprecher sehr wohl auch Verantwortung für die Störaktion des eingetragenen Vereins tragen.

// Was bleibt?
„Identitäre“ Aktionen unterliegen einer geplanten Choreografie, die sich aus ihrer Sicht sinnvoll für die mediale Rezeption eignen. Das Aktionsfeld ist dabei nicht gleichzeitig der Raum, indem in Erscheinung getreten wird, sondern vielmehr das Internet und die Sozialen Netzwerke. Im Erscheinungsfeld schaffen sie Verunsicherung bei Gästen, Passant_innen, Angegriffenen – im Aktionsfeld „gelungene“ Bilder von einer aufmerksamkeitshaschenden Aktion.
Bezogen auf den Vorfall am vergangenen Freitag können die „Identitären“ so tun, als hätten sie es dem ZPS endlich gezeigt. Als willige außerparlamentarische Schergen der AfD können sie es selbstverständlich nicht auf sich sitzen lassen, wenn der rechtsaußen Buddy Bernd Höcke medial etwas in die Mangel genommen wird. Ein paar Bilder haben sie sicherlich produziert, die insbesondere aus der Fehldeutung der Referentin entstanden sind. Doch weit über ihre Social-Media-Bubble und dem „preaching to the converted“ hinaus zu arbeiten, haben sie nicht vermocht. Interventionen (auch) gegen Zwei-Minuten-Aktionen der „Identitären“ sind dennoch immer notwendig. Das kann beherztes Eingreifen und vor die Tür bringen einzelner AkteurInnen sein oder das Entfernen von mitgeführtem Propagandamaterial. Auf was sich bei „identitären“ Aktionen jedoch immer unabdingbar konzentriert werden muss, sind die Video- und Fotoaufnahmen. Mediale Rezeption ist der Schmierstoff im Getriebe mit dem „identitäre“ Aktionen laufen: gibt es keine (guten) Videos oder Fotos, ist die Aktion gefloppt.

Viel zu häufig reproduzieren auch Pressemitteilungen oder -meldungen eins zu eins die Propaganda. So kam es bereits häufiger vor, dass in der Schilderung über Aktionen der „Identitären“ Sprüche von Transparenten eins zu eins wiedergegeben wurden oder schlichtweg Fotos von Transparenten oder Aktionen abgedruckt waren. Die Regionalpresse in Mecklenburg-Vorpommern hat den Vorfall unterschiedlich aufgearbeitet. Während sich die Ostsee-Zeitung schlichtweg auf einen Mix der Pressemitteilungen von Cops und AStA konzentriere, glänzte der Nordkurier erneut durch handwerklich schlechte Recherchearbeit. Wer bei dieser Störaktion von einer Stürmung spricht, bedient sich der gleichen Click-Hascherei, wie die „Identitären“.

Die Pressemitteilung des AStAs wurde derweil in den Sozialen Netzwerken zigfach rezipiert. Jedoch hat der AStA unter Beweis gestellt, dass er mit den „identitären“ Umtrieben an der Universität noch nicht souverän umgehen kann. So wurde schnelleres oder gar präventives Eingriffen verunmöglicht.
Die in der Pressemitteilung zu findende Betonung, dass es „Hallenser Verhältnisse“ in Rostock nicht geben wird, ist zumindest als zweideutig zu betrachten. Studierende, Zivilgesellschaft und Aktive in Halle haben sich nicht aktiv dafür entschieden, dass „Kontrakultur Halle“ über die Querfinanzierung durch „EinProzent“ ein Haus in direkter Nähe eines Universitätscampus erworben hat und von dort aus als gewalttätige Bande marodierend zumindest durch die Straße zieht. Im Gegenteil: Die gemeinsamen Proteste von Anwohnenden, Studierenden, bürgerlichen Kräften und der Kampagne „kickthemout“ zeichnen ein deutliches Bild. Treten hierzulande „Identitäre“ in der Regel weniger gewalttätig als in Halle auf, findet sich jedoch im Zentrum der Hansestadt die Koordinierungsstelle und Steuerungszentrale der „Identitären“ auf Bundesebene. Breiter zivilgesellschaftlicher Protest wie aus Halle bekannt, ist hier (noch) nicht zu spüren.
Andererseits ist die Äußerung des AStAs auch als Zeichen Richtung Universitätsleitung zu interpretieren, wisse diese doch auch schon längst von „identitären“ Umtrieben an ihrer Hochschule. Die Aufforderung, nun endlich aktiv zu werden, damit so etwas wie in Halle nicht passieren könne, versteckt sich wohl im Subtext der Aussage. In der Hoffnung, dass der AStA Stein des Anstoßes einer Auseinandersetzung an der Universität wird, zeigen wir uns solidarisch.

Der Rostocker Zivilgesellschaft ist nach einiger Zeit der aktionistischen „Ruhe“ in Rostock der Beweis erbracht, dass die hier niedergelassenen „identitären“ AktivisitInnen nicht nur in ihrem Büro sitzen. Im Gegenteil muss klar sein, dass die Universität Rekrutierungsumfeld für „identitären“ Nachwuchs bietet und zuweilen auch Erscheinungsfeld sein kann. Eine ernst gemeinte Auseinandersetzung mit Aktionsformen und Personen aus dem „identitären“ Umfeld muss nun einsetzen. Die Störung des Betriebsablaufes in Rostock, stört die bundesweite Struktur in Gänze. Das zumindest sollte ein Anreiz sein.

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