Aufmarsch in Evershagen

Der Demo-Tag im Nordwesten: Pöbeleien, aber keine Gewalt / Kitas schlossen früher

Der Ausnahmezustand in Evershagen beginnt für viele Eltern zur Mittagszeit: Sie haben sich extra frei nehmen müssen, um ihre Kinder früher aus Schulen, Kitas und Horten abzuholen. Manche Einrichtung schließt an diesem Montag schon um 12 Uhr. Das Rathaus hat darauf gedrungen. Zu groß ist die Sorge bei Stadt und Polizei, dass es am Abend knallen könnte – und dass die Jüngsten zwischen die Fronten von AfD-Anhängern und linken Gegendemonstranten geraten könnten. Denn die Stimmung vor dem Demo-Montag in Evershagen – sie ist merklich angespannt.

Die Straßenbahn müssen alle nehmen

Wenige Stunden vor der geplanten AfD-Kundgebung liegt eine geradezu gespenstische Ruhe über dem Stadtteil. Bereits am frühen Nachmittag waren die ersten Polizisten angerückt. An sämtlichen Kreuzungen und Straßen positionieren sich Streifenwagen und Mannschaftsbusse. Die Parkplätze entlang der geplanten Route wirken wie leergefegt. Wo sonst Hunderte Autos sich am Straßenrand drängen, herrscht gähnende Leere. Nur vor dem Lidl-Markt mitten im Kiez wird es gegen 17 Uhr langsam voll. Hier – an der Maxim-Gorki-Straße – wollen sich sowohl die AfD-Anhänger als auch die Gegendemonstranten treffen. Direkt vor dem Supermarkt stehen Parteien und Kirchen, Gewerkschaften und linke Initiativen. Nur 300 Meter weiter – getrennt durch zwei Sperren aus Polizisten und Einsatzwagen – kommen die AfD-Anhänger zusammen. Im Supermarkt aber decken sich alle nochmal mit Getränken ein. Kurios: Viele Teilnehmer beider Demos laufen gemeinsam von der Haltestelle Evershagen-Süd zur Gorki-Straße. Ganz friedlich.

Zwei Seiten, zwei Sichtweisen

Aber kaum ist es dunkel, zeigt sich, warum die Behörden so nervös waren: An diesem Abend prallen zwei Sichtweisen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite die AfD, die gegen die „Islamisierung“ der Hansestadt mobil machen will. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Wir wollen keine Moscheen in Rostock“, ruft beispielsweise ein Redner der AfD-Kundgebung den Anhängern zu – und tosender Applaus ist die Antwort der rund 600 Teilnehmer.

Die 900 Gegendemonstranten sehen das ganz anders. Bei einer interkulturellen Andacht in der St. Thomas-Morus-Kirche, zu der Vertreter der christlichen Kirchen in Rostock, der jüdischen, der islamischen und der Bahai-Gemeinde eingeladen haben, formuliert es Juri Rosov so: „Meine Religion verlangt, an der Seite der Fremden zu stehen, den Leidtragenden und den Geflüchteten zu helfen“, sagt der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. Und: „Nationalisten können nicht unsere Freunde sein.“

Trillerpfeifen, Parolen und Aggression

Während die AfD mit lauter Musik – mal „Preußens Gloria“, mal Schlager, mal Techno-Beats – durch die Straßen zieht, wird es immer mal wieder brenzlig: „Nazis raus!“, brüllt der Pulk der linken Gegendemonstranten am Strandrand lautstark und unisono. Von der anderen Seite schallt es zurück: „Wir sind das Volk“.

Die Polizei riegelt die Menschenmengen auf beiden Seiten ab, sodass die verfeindeten Blocks nicht direkt aufeinandertreffen können. Einzelne Querulanten schaffen es aber dennoch, ein Stück aus ihren Reihen auszubrechen. Ein AfD-Anhänger bahnt sich seinen Weg durch eine Hecke, baut sich mit erhobenem Stinkefinger auf. Von der anderen Seite fliegen vereinzelt Dosen und Böller. Verletzte gibt es aber keine – und auch keine Festnahmen, sagt Polizeisprecherin Yvonne Hanske.

Das schlechte Wetter – während der gesamten Kundgebungen regnet es ohne Unterlass – schreckt niemanden. „Spätestens seit der letzten Bundestagswahl kann man doch nicht mehr ruhig zu Hause vor dem Fernseher sitzen“, sagt ein Mann Mitte 20, der auf der „linken“ Seite steht. Auch viele Anwohner in Evershagen hält es nicht vor dem TV: Sie beobachten das Geschehen von ihren Balkonen aus. Aus dem Trockenen.

AfD bricht ab – will aber wiederkommen

Gegen 20 Uhr hat der Ausnahmezustand dann ein Ende: Die AfD bricht ihre Demo ab – wegen Sicherheitsbedenken. Aber die Partei will wiederkommen: Kurz nach Ostern ist bereits die nächste Demo in Evershagen angemeldet. Karsten Kolbe, Landtagsabgeordneter der Linken, wohnt in Evershagen. Sein Fazit: „Ich kann gut darauf verzichten, dass ein ganzer Stadtteil nochmal in Geiselhaft genommen wird.“

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Ostsee-Zeitung-Rostock vom 13.03.2018

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